Ich weiss nicht mehr, wann genau ich das erste Mal von Hammershøi las, von ihm hörte oder eines seiner Bilder sah – vielleicht auf einem Buchumschlag, denn seine Motive werden gerne dafür verwendet. Das hat wohl damit zu tun, dass sie so viel Atmosphäre zu transportieren imstande sind. (Und dies bei einer erstaunlichen Offenheit: Sie lassen den Betrachterinnen und Betrachtern Raum für Phantasie.) Vielleicht aber stolperte ich auch auf Instagram über einen Hammershøi. Wie dem auch sei: Ich sah ein Bild des dänischen Malers – und verliebte mich sogleich in seine Arbeiten.
Das kommt hin und wieder vor, dass ich mich in Kunstwerke verliebe. Ich denke, es ist dabei wohl nicht gross anders, als wenn man sich in einen Menschen verliebt: Sicherlich werden beim ersten Blick chemische Prozesse in Gang gesetzt. Das Gehirn spielt verrückt, das Herz funkt rein, der Bauch ebenso. Jedenfalls: Ich verspürte das Bedürfnis, eines dieser geheimnisvollen Bilder von Hammershøi in Wirklichkeit zu sehen. Denn daran mangelt es ja oft heutzutage: an Wirklichkeit, an Echtheit.
Also machte ich mich schlau, wo der nächste Hammershøi zu sehen wäre. In Frankfurt, sagte mir das Internet. Dort im Städel Museum, genauer im ersten Obergeschoss, präzis in Raum 8. Auf der Website sah ich eine Abbildung des Bildes, auf dem karg eingerichtete Räume zu sehen sind, dazu eine Figur von hinten, im Halbdunkel stehend. Die Stimmung schien mir schwer geheimnisvoll, zugleich war der Titel schwer sachlich: «Interieur. Strandgade 30». Die Masse kompakt: 66 × 55 cm. Das Entstehungsjahr fern: 1901.
Also stieg ich in den Zug und fuhr nach Frankfurt, um mir ein eigenes Bild des Bildes zu machen – und noch auf dem Weg dorthin, während der Zug Verspätungsminute um Verspätungsminute sammelte, hatte ich eine grandiose Idee. Ich würde nach meinem Besuch im Städel Museum auch all die anderen Hammershøis besuchen, alle Bilder, die öffentlich zugänglich waren. Im Gepäck hatte ich eine lange Liste, wo noch Hammershøis hingen. In seinem Heimatland Dänemark selbstverständlich. Aber auch nach London würden mich die Hammershøi-Reisen bringen, nach Oslo – sowie nach Tokio und New York.
Das war vor zwei Jahren gewesen. In der Zwischenzeit jedoch kam keine weitere Hammershøi-Reise hinzu, leider; denn es war so, wie es oft ist im Leben: Die Zeit verrinnt, die Arbeit kommt dazwischen, zudem dies und jenes. Aber im Leben ist es manchmal auch so: Wenn man die Dinge nicht besuchen kann, dann machen sich diese Dinge auf Reisen und besuchen einen ihrerseits. Und so hat es mich nicht wirklich erstaunt, als ich von der Hammershøi-Ausstellung im Kunsthaus las, aber sehr, sehr gefreut. Denn es war, als ginge ein grosser Wunsch in Erfüllung – und ich ersparte mir zwei Dutzend Reisen oder mehr.
Max Küng